Augenrändercharme

Die Band Galakomplex

Es beginnt als Zwei-Mann-Combo. Rund zwei Jahre musiziert Christian Rottler gemeinsam mit dem Songwriter Jan Frisch, der Rottlers minimale Lofi-Songs mit einem melodiösen Unter- und Überbau bereicherte. Nach und nach bildete sich die Band Galakomplex um diese Arbeitsgemeinschaft, die im Jahre 2008 gemeinsam mit dem Produzenten Mario Weise (Marlow) das Album „Augenrändercharme“ fertigstellt.

Seinerzeit gilt: Galakomplex steht für ungewöhnliche Arrangements mit Referenzen zu Pop, elektronischer Musik und Jazz. Aufgrund des Umgangs mit der deutschen Sprache ist die Hamburger Schule ebenfalls als Referenz zu sehen. „Augenrändercharme“ sollte ursprünglich auf dem Label PIAS erscheinen. Der zuständige A&R-Manager wechselte allerdings die Plattenfirma und lässt die Band im Regen stehen. Es ist ihm daher zu wünschen, dass er ein unerfülltes und trostloses Leben führt.

Galakomplex löst sich im Herbst 2009 auf.

Das Album erscheint zehn Jahre nach der Produktion unter dem Namen „Dringlichkeit geht immer“  Streamen geht unter anderem dort: Spotify.
Gegen Geld gibt es das Album beispielsweise bei diesem Anbieter: Apfelfirma

http://www.christianrottler.com/media/dringlichkeit-geht-immer-dokumentation/

Der Pressetext geht so:
Für viele war 2008 die Welt noch in Ordnung. Barack Obama wurde zum 44. US-Präsidenten gewählt, David Foster Wallace war immerhin noch bis zum 12. September am Leben und Christian Rottler hatte mit seiner Band Galakomplex einen Vorvertrag bei PIAS über ein Album in der Tasche. Der Stuttgarter gilt seinerzeit als Geheimtipp, das nächste große Ding der Singersongwriter-Szene und mancher spricht vom legitimen Erbe der Referenzlyrik der Distelmeyers, von Lowtzows und Spilkers. Windige A&Rs, große und kleine Plattenfirmen melden sich – Rottler scharrt Musiker um sich, stellte ein Album fertig, das Release scheitert, die Band zerfällt und Rottler beginnt ein Volontariat bei einer Tageszeitung.

Galakomplex ist ein Jahr nach Fertigstellung des Albums Geschichte: Kontrabassist Boris Nielsen spielt bei Käptn Peng, Fabian Stevens trommelt bei der Alin Coen Band, Produzent Marlow veröffentlicht Platten bei Sonar Kollektiv und Gitarrist Jan Frisch tingelt von Kleinkunstbühne zu Kleinkunstbühne. Die Songs jedoch leben in Rottlers neuen Band Lenin Riefenstahl und in anderen Kontexten weiter.

Rottler (1978) ist ein kein begnadeter Gitarrist oder Sänger. Es ist sein Umgang mit Sprache, der ihm ein Alleinstellungsmerkmal beschert. In erster Linie Lyriker und Autor ist er ein Meister der Verdichtung, Aussparung und Anschlussfähigkeit. In wenigen Zeilen bringt Rottler seine eigene Ohnmacht, Zerrissenheit, Verletzlichkeit, Verzweiflung und Polykontextualität auf den Punkt. Er unterbreitet Angebote, nimmt seine Hörerschaft mit auf eine Reise, ohne das Ziel selbst zu kennen. Er erzeugt mit seiner Be- und Umschreibungskunst genau den Spielraum, den sonst nur Literatur schaffen kann.

Klingt vielverprechend. Aber PR-Texte neigen ja auch zum dramatisieren.
Vor dem Release gab’s auch eine schöne Vinyl:
Paradise Distribution

Galakomplex Livemitschnitt

Es war der 9. März 2008, Galakomplex live im Saustall in Ulm, 20 Songs beim Sofakonzert vor wenigen, aber sehr aufmerksamen Zuschauern.
Setlist: 01. Haute Culture / 02. Feuer / 03. Schön, wenn man beim Ficken zu zweit ist / 04. Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr / 05. Kunstlicht / 06. Salon / 07. Freesolo Freihand / 08. Wind / 09. 4:33 / 10. Epizentrum (Rottler solo) / 11. Fallschirm (Rottler&Frisch) / 12. Frühstückstisch (Countryversion) / 13. Fahrerflucht / 14. Bali / 15. Wasser hat ein Gedächtnis und schlägt mir gegen die Schädelwand / 16. Hegel / 17. Crash after crash / 18. Endhaltebahnstellen (Rottler solo) / 19. Nullwertigschön / 20. Beuys don’t cry

Weitere Infos zur Platte „Augenrändercharme“: Die Augenrändercharme-Flashdoku

Galakomplex sind/ waren: Jan Frisch (Alin Coen Band) an der Gitarre, der Kontrabassist Boris Nielsen (Käptn Peng & Die Tentakel Von Delphi, Feindrehstar), der Posaunist Veit Rudhardt und die zwei Schlagzeuger Fabian Stevens (Alin Coen Band) und Vincent Hammel. Mario Weise (Marlow) produzierte „Augenrändercharme“.

„Augenrändercharme“: Die Rezensionen

Thomas Müller (MotorFM [Berlin],  Bayerischer Rundfunk [München])

team-br-thomas-mueller100~_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135Christian Rottlers „Feuer“ war das Initial, der Song kam als mp3-File über einen Freund in meinen Posteingang zur MotorFM-Zeit in Berlin. Und plötzlich war es, als würde der Song mich in seine Geschichte ziehen: die Party im vollen Gange, der Kopf in Watte, das Gesichtsfeld eingeschränkt und Menschen, die irgendwie mehr Spaß zu haben scheinen als ich selbst. Egal, die Fetzen der Gespräche sind spannend genug und ich zu träge, um selbst zu sprechen. Keine vier Minuten sind eine Ewigkeit und obwohl ich nur die Hälfte verstanden habe, bin ich angekommen.  Dass ich „Feuer“ immer wieder hören musste, versteht sich von selbst; dass der Song aber bis heute noch nichts von seiner Faszination verloren hat, spricht wohl für das außergewöhnliche Talent von Christian Rottler. Bilder, die sich verselbstständigen; Gefühle, die mich übermannen; und die Sicherheit, dass auch wenn Jahre seit der Entstehung vergangen sind, dieses Album unbedingt gehört werden muß.

Michael Riedinger (Stuttgarter Nachrichten)

Christian Rottler, der Stuttgarter Autor, Lieder- und Hörspielmacher mit „Augenrändercharme“ – ist er auch ein Sänger? Oder eher ein Flüsterer? Schreibt er über das Leben? Über die Kunst, über das Gute, Wahre, Schöne? Oder auch ein bisschen über sich? Will er verstanden werden? Oder liegt ihm der Hörer am Herzen? Will er benennen, bekennen, bereuen? Oder will er seinen Mitmenschen ein bisschen was auf den Weg mitgeben, ein paar Bilder, die im Bewusstsein nachhängen, ein paar Beats, die seine Texte vertiefen, manchmal verfremden, meist ebenso vage vertonen wie verquere Gitarren, andeutende Drums, eine geheimnisvoll gestopfte Trompete? Schaut Rottler mit wachen Augen in die Welt? Oder eher durch vernebelte Augenränder, mit viel Charme, aber ohne jede Klarsicht? Wir wissen es nicht. Wir können noch nichts Genaues sagen, auch nach wiederholtem Hören dieser mal luziden, mal lustigen, meist rätselhaften, mal verspielten und immer sehr literarischen Lieder eines Proust- und Thomas-Bernhard-Fans, der vom Hörspiel kommt und für eines („Heldenfällen“, 2009) einen 1. Preis in Mediengestaltung bekam.

Auch sein Album ist ein bisschen wie ein Hörspiel. Nicht der Text allein zählt, nicht die reine Sprache. Bedeutung erblüht vielmehr erst, wenn zu den Zeilen, zwischen den Zeilen klug konzeptuelle Klänge, die aus Dilettantismus eine Kunstform machen, eine sinnvolle Ergänzung erschaffen. Wenn diese einerseits simplen, andererseits kunstvoll reduzierten Gitarren sich mit elektronischen Klapperbeats verknüpfen, im Sinn jener „Mission“, die Rottlers Voodookind-Label in einem Infotext benennt, als es den „Brückenschlag zwischen dringlichen Singer/Songwriter-Klängen und elektronischer Tanzmusik“ zum Ziel erklärt, für „unabhängige Popmusik mit literarischem Anspruch“.

Manches Lied generiert eine Art Jörg-Fauser-Szenario (noch ein literarischer Einfluss), wenn sich „Traumschiff“ auf „Rauschgift“ reimt (wie in „Feuer“) und es um  Dealer in namenlosen Städten geht, und was das mit dem Körpergefühl des Protagonisten zu tun haben könnte (wie in der Blues-Groteske „Wasser hat ein Gedächtnis“). Dazu eine raffiniert reduzierte Gitarre, ein superschluffiges Schlagzeug, eine coole Trompete – die Platte setzt musikalisch weit stärker auf handgespielte Instrumente als Rottlers ältere, eher elektronisch orientierte Aufnahmen. „Schlichte Perfektion“ beispielsweise erzeugt über gekonnt sparsames Gitarren-Gezupfe eine melancholisch nachdenkliche Stimmung, eine edle Reduktion aller Lebensäußerungen, bis man dem Sänger sein hingehauchtes „Bitte, lass mir Zeit“ fast als ernst gemeint durchgehen lassen könnte.

Rottler schreibt aber wohl eher uneindeutige Texte, die sich trefflich analysieren ließen, ohne jede Deutungshoheit zwar, aber doch mit Hinweisen, mit Fallen, um sich drin zu verfangen, Irrgärten der Interpretation, in denen sich zu rätseln und zu suchen lohnt, womöglich ohne je wieder herauszufinden. Du weißt am Ende wohl immer noch keine Antworten auf die eingangs gestellten Fragen. Schrieb Rottler nun vom Leben? Oder sang er von der Kunst, und nur von der Kunst? Liegst du ihm am Herzen, oder nur er sich selbst?

Wer will das alles schon wissen, solange „Augenrändercharme“ läuft …

Mathias Ellwanger (www.zeittotschlaeger.blogspot.de)

Kaum ein Album habe ich im vergangenen Jahr öfter gehört als Augenrändercharme. Und dennoch fällt es mir immer noch schwer, darüber zu schreiben. Vielleicht, weil ich den Musiker kenne. Daher wird diese Besprechung zwangsweise etwas persönlich. Vielleicht aber auch, weil dieses Werk für mich nur schwer zu fassen ist.

Das liegt mit Sicherheit an der Sprache von Christian Rottler, der auch schon mit mehreren Hörspielen glänzte. Nichts ist da klar, alles steckt voller Zitate, Anspielungen. Er stellt schier endlose Bezüge her – vor allem zu Literatur und Philosophie. Der Künstler ist ein sehr belesener Mensch. An manchen Stellen scheint er sich hinter diesen Bezügen verstecken zu wollen. Dann aber bringt er so ein Stück wie „Perfektion“. Das ist keiner der Songs, die bei mir gleich angeschlagen haben. Überhaupt nicht. Aber irgendwann traf es mich. Da versucht einer, sich zu winden, ein Versprechen auf ein Morgen abzugeben, der wohl nie kommen wird. Verspricht „schlichte Perfektion“.

Oder nehmen wir „Feuer„, das es als Single anno 2006 in die Heavy Rotation von Motor-FM geschafft hat. Bilder steigen auf, aber am Ende bleibt vieles, wie so oft, unklar. Denn Christian Rottlers Texte sind meist eher assoziativ, denn erzählend. Sein musikalischer Stil hingegen ist spielerisch, regelrecht leicht, eigenwillig. Er lässt sich ebenso wenig in eine Schublade einordnen wie die Texte. Es sei denn, es würde Augenrändercharme draufstehen.

Apropos Schubladen: Das erstaunlichste an dieser Platte ist, dass sie seit mittlerweile sieben Jahren in eben einer solchen liegt. Auf den Beachtungs-Erfolg der „Feuer“-EP, sowie die Split-EP „Das funktionierende Leben“, die er mit Somos zusammen veröffentlichte, folgte einfach nichts. Wir haben es hier also mit einem Werk zu tun, das eine für den Künstler längst abgeschlossene Lebensphase abbildet.  Vieles würde er heute wohl ein wenig anders machen. Die atemlose Dringlichkeit der Stücke etwa. Oder den Text von „Free Solo – Freihand“. Das Gesamtwerk jedoch bleibt stimmig. Ob seine Abrechnung mit Proust (Proust ist mein Leben), sein Jörg Fauser-likes „Wasser hat ein Gedächtnis und schlägt mir gegen die Schädelwand“, sein extrem assoziativer „Salon“, in dem er Entspannungspolitik auf Taschendieb reimt. Oder die John Cage-Hommage 4:33. Christian Rottler hat seinen eigenen Stil.

Man darf dem Musiker daher nur wünschen, dass er über seinen Schatten springt und das Album endlich einmal veröffentlicht. Für die Schublade ist es einfach zu schade. Doch wie formuliert es Rottler in seinem Proust-Stück selbst so schön: „Verschwendung von Talent ist auch eine Entscheidung.“ Schade auch, dass es seine Band Galakomplex mittlerweile nicht mehr gibt. Seine Lieder sind in dieser Form wohl nur noch auf der Platte zu hören. Zeit, dass mehr Menschen etwas davon mitbekommen.

gerdas-tanzcafe.blogspot.de

Glücklicherweise ist Musik nicht vergänglich, das hat sie der Zeit voraus. Christian Rottler‘s kleiner Indiehit „Feuer“ überlebte MotorFM (heute FluxFM), in dessen Setlist der Song 2006 rauf und runter lief. Seine Punk- (H-Milk) und Metal-Vergangenheit (Die Auranatik) hat er zu diesem Zeitpunkt bereits längst hinter sich gelassen, wandte sich nach der Jahrtausendwende mehr und mehr dem emotionalen Pop (Drei Farben Schwarz, Goldberg) und der Elektronik (Christian Rottler vs. Somos) zu.

Seine Zusammenarbeit mit Songschreiber und Gitarrist Jan Fischer lag nicht nur zeitlich, sondern auch musikalisch irgendwo dazwischen. Zwei Jahre lang probierten sich die zwei im minimalistischen Lo-Fi-Sound aus, bis sie merkten, dass ihre Songs nach mehr verlangten. Nach und nach rückten so immer mehr Musiker in die Arbeitsgruppe, bis schließlich die Band Galakomplex in ihrer endgültigen Formation stand, um den Songs von „Augenrändercharme“ mehr Fülle zu verpassen.

„Feuer“, das nun also als Vorab-Single ins Rennen geschickt wurde, braucht im Wesentlichen nicht mehr als diese eine akustische Hookline und Rottler’s melancholischen Gesang, um den besungenen Drogen- in einen wahren Sinnesrausch umzustürzen, der sich mit jeder Wiederholung ein Stück weiter vor ins Bewusstsein drängt, bis man sich schließlich selbst als Protagonist im exzessiven Nachtleben wiederfindet, in der alles oder eben nichts einen Sinn ergibt. „Haut Culture“ kommt da schon etwas flotter, taktvoller und mit Ansatz-Rap aus den Startlöchern, erweist sich hinsichtlich der folgenden Songs aber als gezielte Finte für die bis hierher verwöhnte Rhythmusfraktion. Die groteske Bluesballade „Wasser hat ein Gedächtnis und schlägt mir gegen die Schädelwand“ breitet zwar die Flauschdecke vor dem Kamin aus und bietet endlich mal die Gelegenheit, seine Jörg-Fauser-Literatur zu entstauben. Aber genau wie das folgende „Freesolo-Freihand“ entpuppt sich der Song eher als Geschichte, die Rottler bedächtig mit warmer und sanfter Stimme bzw. fast flüsterndem Sprechgesang, vor sich hin trägt. Hier schimmern seine journalistischen Arbeiten als Kurzgeschichten- und Drehbuchautor und als Hörspiel-Produzent (u. A. „Nahkampf oder Telefonieren“ u. „Heldenfällen“) vielleicht am deutlichsten durch.

 Christian Rottler liest also Marcel Proust und geht in Gedanken mit Martin Walser fremd. „Proust ist mein Leben“ (siehe und höre HIER) ist mit nicht einmal zweiminütiger Spielzeit der kürzeste Song des Albums und zeigt, dass es inhaltlich auf „Augenrändercharme“ nicht ganz leicht werden wird. Allein um die Idee hinter diesem Song zu entlarven, benötigt es das Wälzen einer dreiseitigen Gedankensammlung Rottler’s, die sich auch gut und gerne als Sekundärliteratur lesen könnte. Seine Texte sind kryptisch und lassen dem Hörer bei der Interpretation dieser eine Menge Spielraum, ohne dabei jedoch den Anschein zu erwecken, pseudointellektuell wirken zu müssen. Verbündete im Geiste zu finden, Gedankenmanipulation oder schlicht die Rettung der Welt, ist schließlich nicht das bedingungslose Ziel seiner Musik. Man kann die Zeilen seiner Texte auch einfach für sich stehen lassen, mit der Nostalgie in der John-Cage-Hommage „4:33“ (HIER) und im jazzigen „Wind“ (HIER) schwimmen, oder alles der Kunstmusik zuschreiben. Muss man aber nicht.
Mit siebenjähriger Verspätung soll „Augenrändercharme“ nun also im Sommer/Herbst 2013 auf Vinyl gepresst und über das Label Voodookind erscheinen, dessen Rillen auf zwölf Songs ausgebreitet werden. Vielleicht ja sogar mit einem ausgiebigen Beiblatt mit Gedanken und Hintergründen der Beteiligten zu den Songs, denn das allein wäre schon ein verdammt guter Kaufgrund.

Musikvideos zum Album „Augenrändercharme“

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Galakomplex live

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